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"Begegnung mit dem Fremden" - Museumspädagogischer Modellversuch an 22 Museen in Baden-Württemberg

Kooperationsprojekt mit dem Museumsverband Baden-Würtemberg e.V.

Foto: Brandanschlag auf ein von Türken bewohntes Haus in Mölln am 23.Mai 1993. Das war damals Anstoß für viele Menschen, aktiv zu werden und sich zur Wehr gegen Fremdenfeindlichkeit zu setzen. Auch der Modellversuch "Begegnung mit dem Fremden" war eine solche Reaktion, die aus Empörung und Erschrecken geboren wurde. Er verstand sich als Antwort von Museen in Baden-Württemberg auf zunehmenden Ausländerhass und gewalttätige Übergriffe. Die große Frage war: Was können Museen gegen Fremdenfeindlichkeit und zur Förderung kultureller Toleranz leisten? Haben Sie überhaupt eine Chance, etwas in Bewegung zu bringen? Und: Wie müssen sie sich selbst ändern, wenn sie auf Dauer ein Ort für die Begnung fremder Kulturen und deren Verständnis sein wollen?

 

Zur damaligen Situation: Als vor rund fünfzehn Jahren zum ersten Mal Häuser von türkischen Familien und Unterkünfte von Asylbewerbern brannten, waren auch viele Museumsmitarbeiter/innen erschüttert: Waren sie doch bislang davon ausgegangen, daß ein halbwegs tolerantes Miteinander von Ausländern und Deutschen zum Grundkonsens unserer Gesellschaft gehört. Viele Museen reagierten spontan - sie drückten in Plakaten ihren Protest gegen die Übergriffe aus, sie nahmen an örtlichen Aktionstagen teil, und viele Museumsbeschäftigte verabschiedeten (und finanzierten) bundesweite Aufrufe für mehr kulturelle Toleranz. In einigen Museen wurden praktisch von einem Tag auf den anderen spezielle Führungen, Sonderprogramme für Schulklassen und gelegentlich sogar kleine, schnell zusammengestellte Ausstellungen realisiert. In der Folge wurde dann darüber nachgedacht, was Museen eigentlich auf Dauer dazu beitragen können, um Ausländerfeindlichkeit und Fremdenangst den Boden zu entziehen und um das Zusammenleben verschiedener Kulturen in Deutschland zu erleichtern. Kurz: In einigen Museen wurde sehr viel bewußter wahrgenommen, daß interkulturelle Bildung auch eine Aufgabe für Museen sein kann (und sollte). Aus diesen Überlegungen heraus wurde der Modellversuch "Begegnung mit dem Fremden" konzipiert. Ziel dieses Modellversuchs war es, in ganz Baden-Württemberg museumspädagogische Projekte zu starten, die eben dieser 'Begegnung mit dem Fremden' dienten, verbunden mit dem Anspruch, daraus neue Formen besucherorientierter Museumsarbeit zu entwickeln.

 

Der Modellversuch als Teil des BLK - Förderprogramms

Der Modellversuch ist eines von mehreren Vorhaben, die die Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung (BLK) in den neunziger Jahren in ihrem Schwerpunkt 'Gewaltprävention' gefördert hat. In diesem Schwerpunkt erproben Bildungseinrichtungen modellhafte pädagogische Ansätze, die sich mit den Problemen und Ursachen fremdenfeindlicher Gewalt auseinander setzen. Zur Finanzierung dieser Projekte wurden je zur Hälfte Bundesmittel und Mittel des jeweiligen Bundeslandes (hier: des Landes Baden - Württemberg) beigesteuert. Auch der Modellversuch 'Begegnung mit dem Fremden' wurde auf diese Weise finanziert. Die Einbindung in die anderen (meist Schul-) Bildungsprojekte des BLK-Schwerpunkts verdeutlicht, dass es hier nicht allein um die Förderung von Museumspädagogik ging, sondern Museumspädagogik wurde explizit begriffen als ein (!) Element einer übergreifenden Bildungsinitiative, die sich der Förderung kultureller Toleranz in der Gesellschaft annimmt. Für Museen ist dieser Ansatz, zusammen mit anderen Bildungs- und Kulturinstitutionen in ein Netzwerk eingebunden zu sein, durchaus nicht selbstverständlich. Im Modellversuch zeigte sich aber, daß es gerade für die kleineren Stadt- und Regionalmuseen immer wichtiger wird, in solchen Zusammenhängen zu denken. Der institutionenübergreifende Ansatz der BLK-Projekte sollte daher als Anstoß verstanden werden, Museumspädagogik in dieser Weise integrativ fortzuentwickeln.


Organisation des Modellversuchs

Träger des Modellversuchs, der im Oktober 1996 abgeschlossen wurde, war der Museumsverband Baden-Württemberg e.V., der mit diesem Projekt einen Impuls für nichtstaatliche, meist in kleineren Orten gelegene Museen geben wollte. Das ist ein Museumstyp, der gerade in diesem Bundesland kennzeichnend für die Museumslandschaft ist. Die wissenschaftliche Begleitung und das Projektmanagement lag bei der AfeB Heidelberg. Die AfeB konnte hier ihre langjährige Erfahrung mit museumspädagogischen Modellversuchen und der Evaluation von Museen zur Geltung bringen. Der Modellversuch wurde von einem Organisationsbüro der AfeB an der Städtischen Kunsthalle Mannheim betreut, das u.a. die Zusammenarbeit der Museen im Netzwerk der Projektbeteiligten koordinierte. Ca. alle acht Wochen fanden während der Hauptphase des Modellversuchs Arbeitstreffen statt, bei denen einzelne Projekte vorgestellt und durchaus auch kritisch diskutiert wurden.


Offene Fragen:

Sollte der oben formulierte, sehr politische Anspruch eingelöst werden, galt es, eine ganze Reihe offener Fragen zu klären:

  • Gibt es bestimmte Themenstellungen, die besonders gut für eine 'Begegnung mit dem Fremden' im Museum geeignet sind? Oder gelingt das prinzipiell mit jedem Thema, ob Kunst, Völkerkunde oder Ortsgeschichte?
  • Erfordert eine solche 'Begegnung mit dem Fremden' im Museum neue museumspädagogische Strategien oder genügt das bewährte museumspädagogische Repertoire? Braucht man z.B. andere, stärker am Publikum orientierte Ausstellungskonzepte? Oder muß man das Museum nicht viel stärker auch als Ort von Begegnungen nutzen, um Personen, Gruppen und Institutionen von außerhalb des Museums mit einzubeziehen?
  • Welche Methoden sind besonders gut geeignet, diesen Begegnungscharakter in einen Museum umzusetzen? Wie weit lassen sich handlungsorientierte Ansätze nutzen, wie: Mitmachaktionen, Projektarbeit, Museumswerkstätten, Stadtforschungsprojekte, Videoproduktionen, Kunstaktionen etc.?
  • Können in die 'Begegnung mit dem Fremden' neue Zielgruppen einbezogen werden (z.B. hier lebende Ausländer, deutsche und ausländische Jugendliche, auch: Personen mit fremdenfeindlichen Einstellungen)?
  • Welche besonderen Chancen ergeben sich aus einer Kooperation von Museen untereinander? Welche Rolle spielen lokale Netzwerke mit Gruppen, Vereinen, Unternehmen, anderen Bildungs- und Kultureinrichtungen?

Projektstart:

Das Projekt begann 1994 mit einer Ausschreibung, die an alle nicht-staatlichen Museen des Landes Baden-Württembergs gerichtet war. Diese Ausschreibung war thematisch offen und ziemlich breit angelegt. Der Museumsverband wollte dadurch möglichst vielen kleineren Museen Gelegenheit geben, sich zu bewerben und so an die Fördermittel heran zu kommen. Dies erwies sich bald als Nachteil: Die große Breite der Projekte verwässerte leider den ursprünglich sehr klar auf interkulturelle Museumsarbeit ausgerichteten Ansatz. Unter den Anträgen fanden sich aber dennoch eine ganze Reihe neuer, für interkulturelle Museumspädagogik inovativer Ansätze.Aus den eingereichten Anträgen wurden schließlich 22 Museen ausgewählt, die für ihre Vorhaben im Einzelfall eine Förderung bis DM 30.000.-- erhalten konnten. Dabei wurde ein Eigenanteil von mindestens 25% vorausgesetzt. Am Modellversuch nahm eine breite Palette ganz unterschiedlicher Museen teil:

  • ein Kunstmuseum
  • ein Völkerkundemuseum
  • ein archäologisches Museum
  • ein Textilmuseum 
  • ein museumspädagogischer Dienst
  • drei jüdische Museen (!)
  • mehrere Orts- und Heimatmuseen.

Erste Ergebnisse:

Die Projekte der teilnehmenden Museen fanden vor Ort oft große Resonanz in Öffentlichkeit und Presse. So fanden im Laufe dieses Jahres 1996 in verschiedenen Städten interkulturelle Wochen statt - z.T. sogar unter dem Titel 'Begegnung mit dem Fremden' - die unmittelbar vom Modellversuch angeregt waren. Durch den Modellversuch scheint auch einiges an zusätzlichen finanziellen Mitteln und Personalkapazität (Honoraraufträge, ABM - Stellen) freigesetzt worden zu sein, die der museumspädagogischen Arbeit vor Ort zu gute kamen. An den Modellversuch 'angehängt' hatte sich außerdem eine Initiative von Kunststudenten/innen der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe, die an vier der teilnehmenden Museen unter dem Titel 'Begegnung mit dem Fremden in der Kunst' Kunst-Aktionen zum Thema Fremdenfeindlichkeit realisierten. Schließlich hatten sich einige weitere Museen gefunden, denen die Idee einer 'Begegnung mit dem Fremden' im Museum so wichtig war, daß sie ähnliche Projekte auf eigene Kosten durchführten ( u.a. Museum am Burghof Lörrach, Reißmuseum Mannheim).

 

Modellversuch „Begegnung mit dem Fremden“. Ausgangspunkt, pädagogische Perspektive und Verständnis interkultureller Bildung. Autor: Ulrich Paatsch
In diesem einleitenden Text werden Konzept, Hintergründe und allgemeinere Bezüge des Modellversuchs zur interkulturellen Bildung
ausführlich dargestellt.
Hintergruende.rtf
Text Dokument 36.0 KB

 

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